© Dr. Dieter Dohmen (Gründer und Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie, FiBS).

Die Digitalisierung des Bildungssektors bringt neue digitale Lerntools in die Bildungseinrichtungen. Ansätze wie Serious Games und Gamification sind beispielsweise alternative Lernmodelle, die Inhalte auf eine spielerische Art vermitteln sollen. Dr. Dieter Dohmen, Gründer und Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS), ist davon überzeugt, dass diese und ähnliche digitale Lerntools individuelleres Lernen ermöglichen. Im Interview mit der atene KOM erklärte er, wie digitale Lernmethoden unterschiedliche Zielgruppen zukünftig passgenauer ansprechen können.

atene KOM: Wie werden digitale Technologien bereits sinnvoll in den Unterricht in Deutschland einbezogen?
Dr. Dieter Dohmen: Das hängt sehr von der Schule und den Lehrkräften ab. Viele Schulen haben zu wenige und oft veraltete Computer, und auch die Infrastruktur ist nicht gut. In anderen Schulen läuft es besser und digitale Technologien werden bereits viel genutzt: sei es in einzelnen Fächern wie die App GeoGebra für den Matheunterricht oder allgemein zur Recherche von Informationen. Es hängt vor allem von der Lehrkraft ab, ob digitale Medien einen Mehrwert haben oder nicht – was ja auch für den „normalen“ Unterricht gilt.

atene KOM: Welche weiteren Formen kann digitale Bildung in Schulen zukünftig annehmen?
Dr. Dohmen: Die Schulen sollten auf der technischen beziehungsweise Infrastrukturebene möglichst schnell in die Lage versetzt werden, digitale Technologien zu nutzen. Die Lehrkräfte sollten dann die Möglichkeit bekommen, Tools der digitalen Bildung pädagogisch und didaktisch nutzen zu können. Ob sie es dann auch tun, hängt von vielen Faktoren – Thema, Zielsetzung, didaktischer Mehrwert etc. – ab, sodass sich meines Erachtens keine allgemeingültige Antwort geben lässt. Wir sollten aber generell eine offene und zugleich kritische Haltung dazu entwickeln. Digitale Bildung ist weder automatisch Heilsbringer noch Teufelszeug. Es kommt immer darauf an, was man mit den Tools macht – und wozu.

atene KOM: Welche Besonderheiten müssen beachtet werden, wenn digitale Lerntools in Grundschulen eingeführt werden – im Vergleich zu Berufs- oder Hochschulen?
Dr. Dohmen: Im Grundschulbereich sollte es eher darum gehen, die Grundlagen zu lernen, das heißt Rechnen, Schreiben, Lesen, aber auch das Reflektieren. Digitale Technologien sollten eher zurückhaltend eingesetzt werden – zum Beispiel dann, wenn sie wirklich einen didaktischen Mehrwert bieten – wenn Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben werden sollen, die anders nicht oder nur sehr schwer vermittelt werden können. So lassen sich zum Beispiel sozio-emotionale Kompetenzen durch Online-Spiele erlernen.
In den Berufs- und Hochschulen werden neben den „üblichen“ Online-Tools, wie Youtube oder Google, beispielsweise auch spielbasierte Lernplattformen wie Kahoot benutzt. Die Vielzahl der genutzten Anwendungen lässt sich kaum vernünftig abgrenzen, da meines Erachtens alles, was online passiert, auch zum Wissenserwerb und Lernen genutzt werden kann. Entscheidender als das Tool ist der Zweck, warum ich etwas nutze.

atene KOM: Wie wird die Digitalisierung den Bereich Weiterbildung verändern?
Dr. Dohmen: Die Digitalisierung hat die Weiterbildung bereits erheblich verändert, indem Lerninhalte im Internet fast immer und überall verfügbar sind. Wichtige Vorteile sind meines Erachtens, dass etliche Zielgruppen mit digitalen Lerntools viel besser und genauer angesprochen werden können – vorausgesetzt, die Tutoren beziehungsweise Lernentwickler gehen auf die Bedürfnisse der Zielgruppe ein. Ich sehe zum Beispiel Serious Games und Gamification als Möglichkeit für das lebenslange Lernen, gerade bei den sogenannten bildungsentwöhnten Gruppen – wenn die bisherigen Lernbarrieren geschickt adressiert und überwunden werden. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass die Kompetenzen (Lesen, Schreiben, Rechnen) Kernbestandteil der digitalen Kompetenzen sind, und ein Teil der Erwachsenen diese nicht oder nur eingeschränkt beherrscht. Für diese Gruppe müsste verstärkt auf andere Formen der Kommunikation gesetzt werden.
Des Weiteren müssen alle Erwachsenen in die Lage versetzt werden, den Übergang in die digitale Welt zu meistern und den damit verbundenen Anforderungen der Arbeitswelt und ihres Berufs gerecht zu werden. Hier laufen wir derzeit Gefahr, dass sich die Welt noch stärker spaltet: Dann kommt ein Teil der Arbeitnehmer sehr gut in der digitalen Welt zurecht, während andere kaum eine Chance haben, sich auf die weiteren Veränderungen vorzubereiten. Wie vieles andere auch, hängt dies nicht zuletzt mit dem Niveau des schulischen Abschlusses beziehungsweise der Ausbildung zusammen.

atene KOM: Was wünschen Sie sich für die digitale Bildung von morgen?
Dr. Dohmen: Einerseits müssen junge und ältere Menschen lernen, die digitalen Technologien selbstständig und kritisch zu nutzen. Das setzt voraus, dass sie neben den basalen Kompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen, wissen, wie sie die digitalen Medien in ihrem Sinne nutzen können. Das umfasst zum Beispiel die Fähigkeit, gute Suchanfragen zu formulieren, mit Sicherheitsfragen umzugehen und einschätzen zu können, was man von sich preisgeben kann oder was man besser nicht ins Netz stellt.

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