© Dr. Sarah Henkelmann (Sprecherin des Netzwerks Digitale Bildung).

Ersetzen digitale Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) oder Smartphone-Apps die klassischen Kompetenzen wie das Kopfrechnen oder das Schreiben von Hand? Dr. Sarah Henkelmann, Sprecherin des Netzwerks Digitale Bildung (NDB), glaubt das nicht und sieht die Gefahr eher darin, diese technologischen Entwicklungen zu ignorieren. Im Interview mit der atene KOM erklärt sie, welche Fähigkeiten in Zukunft wichtig sind und wie digitale Lernmedien optimal in den Unterricht eingebunden werden können.

atene KOM: Wie werden digitale Technologien bereits sinnvoll in den Unterricht einbezogen?
Dr. Sarah Henkelmann: Am meisten verbreitet sind in Deutschland bisher Smartboards – allerdings noch nicht in allen Schulen. Viele Schulen haben auch einen PC-Raum, Laptops oder Tablets, allerdings immer nur als Klassensätze. Das bedeutet, dass nicht jede Klasse mit Rechnern ausgestattet wird, sondern dass ein Klassensatz für die gesamte Schule bereitsteht. Vor kurzem habe ich eine Schule besucht, an der rund 200 Schüler lernen. Der gesamten Einrichtung standen nur 30 Tablets zur Verfügung. Wir hoffen auf den Digitalpakt, damit weitere Schulen mit mehr digitalen Medien, wie Smartboard und Schülerendgeräten, ausgestattet werden können.

atene KOM: Welche weiteren Formen kann digitale Bildung in Schulen zukünftig annehmen?
Dr. Henkelmann: Ich sehe einen großen Fokus auf dem Thema Künstliche Intelligenz. Das wird die Lehrer zwar vor eine große Herausforderung stellen, aber KI ermöglicht individualisiertes Lernen und kann die Schüler zusätzlich motivieren. Ein Beispiel: KI kann lernen, welche Texte die Kinder gern lesen. Bei der nächsten Leseaufgabe wählt die Künstliche Intelligenz dann aus dem digitalen Content, der zur Verfügung steht, einen Text aus, der die Schüler besonders interessiert. So sind die Kinder motivierter beim Lesen. Grundlage dafür sind aber digitalkompetente Lehrer. Die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte ist der Schlüssel zum Erfolg der digitalen Bildung. Das beginnt mit der Anpassung der Lehrerausbildung an Hochschulen und geht in das lebenslange Lernen jedes Lehrers über. Umfassend ausgebildete Lehrer erhalten mit den digitalen Technologien weitere Möglichkeiten, Inhalte verständlich zu vermitteln.

atene KOM: Welche Risiken bestehen bei der Einführung von digitalen Technologien in Schulen?
Dr. Henkelmann: Das größte Risiko ist, die Digitalisierung in den Schulen gar nicht zu behandeln. Wenn wir nicht schnell damit beginnen, digitale Medien in die Bildung zu integrieren, gehen uns Generationen von Lehrern und Schülern verloren – die dann nicht über umfassende digitale Kompetenzen verfügen. Wenn wir den Umgang mit digitalen Technologien nicht in der Schule behandeln, werden diese Medien nur privat genutzt – und das reicht nicht aus. Kinder können dann zwar Online-Spiele spielen und chatten, aber sie wissen nicht, wie sie mit Mobbing im Internet umgehen sollen und dass sie zum Beispiel ein Recht am eigenen Bild haben. Bleiben digitale Medien ausschließlich im privaten Bereich, wird der Umgang mit ihnen nicht pädagogisch vermittelt. Viele Eltern stoßen hierbei nämlich an ihre Grenzen.

atene KOM: Werden digitale Medien die klassischen Kompetenzen wie das Schreiben von Hand und das Kopfrechnen ersetzen?
Dr. Henkelmann: Nein, das Schreiben mit dem Füllfederhalter auf Papier, das Durchlesen eines ganzen Buches und das Kopfrechnen sind Fähigkeiten, die weiterhin notwendig sind, um das Leben zu meistern. Aber digitale Kompetenzen müssen diese Skills nun ergänzen. Es ist ein Miteinander, das heißt: Digitale Medien und die klassischen Kompetenzen bilden gemeinsam die neuen Inhalte der schulischen Bildung. Die Digitalisierung ist dabei ein Querschnittsthema. Digitale Technologien müssen also in jedes Unterrichtsfach eingebunden werden – von Kunst über Fremdsprachen bis zu den naturwissenschaftlichen Fächern. Die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung in der Schule fördert dann das kritische Denken und die Medienkompetenzen der Schüler. Denn ganz wichtig: Schüler – und insgesamt alle Menschen – müssen befähigt werden, sich in der digitalen Welt sicher zu bewegen.

atene KOM: Was wünschen Sie sich für die digitale Bildung von morgen?
Dr. Henkelmann: Was ich mir wünsche ist, dass Lehrer, Schüler und politische Entscheidungsträger mutiger werden und öfter neue Dinge ausprobieren. Dass die Digitalisierung unsere Welt verändert und weiter verändern wird, ist sicher. Jetzt muss sie auch konsequent in die Schulen in Deutschland Einzug erhalten. Die Lehrer müssen die entsprechenden Fortbildungen machen und Raum bekommen, im Unterricht auch digitale Lernmaterialen nutzen zu können.
Ganz wichtig ist natürlich auch die technische Ausstattung aller Schulen. Jede Klasse muss über einen WLAN-Zugang, eigene Smartboards, Tablets und andere digitale Lernmedien verfügen. Lehrer und Schüler stehen in Zukunft weiterhin im Zentrum, aber sie bekommen mit den digitalen Technologien neue Werkzeuge an die Hand.

Weitere Hintergründe zu den Themen digitale Bildung und Künstliche Intelligenz finden Sie in den Dossiers zur Digitalisierung der atene KOM: