Wie wird aus einer verwaisten City wieder ein Begegnungsraum? Bei „Innenstadt (be)leben!“ entwickeln Zwönitz, Demmin, Münnerstadt und Bönen gemeinsam Lösungen. Das Deutsche Institut für Urbanistik und die atene KOM begleiten das Projekt.

Leerstände und fehlende Angebote in kleinen Städten sind nicht nur Ausdruck für die schwierige Lage des stationären Einzelhandels. Immer seltener dienen Innenstädte auch als kulturelle und soziale Begegnungsräume. Um diesen Prozess umzukehren, versuchen sich Kommunen an teils unkonventionellen Ansätzen. Beispiele dafür sind die Kleinstädte Zwönitz (Sachsen), Demmin (Mecklenburg-Vorpommern), Münnerstadt (Bayern) und Bönen (NRW). In vier Transferwerkstätten haben sich Vertreter:innen der Kommunen nun erstmals gemeinsam über Ideen für eine zukunftsfeste Innenstadtentwicklung vor Ort ausgetauscht. Hierzu war jede der Kommunen einmal Gastgeber für ein „Interkollegiales Coaching“: Jeweils im Anschluss an einen gemeinsamen Stadtrundgang bietet dieses Format einen geschützten Raum, um offen über lokale Herausforderungen zu diskutieren, sowie um Erfahrungen und Anregungen weiterzugeben.

BMI und BBSR wollen Kleinstädte dauerhaft unterstützen

Erste diskutierte Ansätze zur Innenstadtbelebung wollen die Beteiligten im weiteren Projektverlauf in konkrete Stadtentwicklungsmaßnahmen übersetzen. Dabei moderiert und begleitet das Deutsche Institut für Urbanistik (difu). Die atene KOM, die den Kleinstadtverbund im Rahmen der Projektentwicklung aufgebaut hat, koordiniert und ist für das Projektmanagement verantwortlich. Die vier Kommunen sind Teil des Modellvorhabens „Innenstadt (be)leben!“ der Pilotphase der Kleinstadtakademie. Mit der Kleinstadtakademie wollen das Bundesinnenministerium (BMI) und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) ab 2023 eine dauerhafte, institutionalisierte Unterstützung der Kleinstadtentwicklung schaffen. Sie fördern das Projekt als Teil des Programms „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“ (ExWost).

Von den Perspektiven der anderen lernen

Die vier teilnehmenden Kleinstädte weisen zum Teil große strukturelle Unterschiede auf. Entsprechend vielschichtig sind auch die Ansätze und Strategien zur Innenstadtbelebung.  Gleichzeitig zeigte sich in der ersten Projektphase, dass viele Herausforderungen – etwa im Liegenschaftsmanagement oder in der Beteiligung von Akteursgruppen – oft vergleichbar sind:

  • „Alte Bergstadt mit Zukunft“ – mit diesem Slogan betont die Stadt Zwönitz im Erzgebirge ihre Traditionen ebenso wie die Entwicklung zur Smart City-Modellkommune. Eine innovative Lösung könnte das aktive Leerstandsmanagement sein: Zwönitz will drohende Leerstände beim Einzelhandel möglichst frühzeitig erkennen und Ladeninhaber:innen bei der Suche nach Nachfolgern unterstützen. Auch neue Wege im Marketing sowie innovative Beteiligungsformate bergen Entwicklungschancen.
  • Die Stadtstruktur der Hansestadt Demmin in Vorpommern lässt zuweilen eine „typische“ Innenstadt vermissen. Zu dieser Situation tragen große Bundesstraßen bei, welche den Kern der Stadt kreuzen und zu hohen Verkehrsbelastungen führen. Eine geplante Neuordnung der Verkehrslenkung soll Demmin eine positive Entwicklung bescheren. Dies gilt auch für attraktive Liegenschaften, wie das Speicher-Areal an der Peene oder Freiräume am Marktplatz, für die neue Konzepte und kreative Lösungen gefunden werden müssen. Vor allem die Einbindung von Bürger:innen und spezifischen Akteursgruppen (z.B. des städtischen Gewerbes) wird in diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen.
  • In einem breiten Beteiligungsverfahren entwickelt Münnerstadt in Unterfranken ein integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept (ISEK) sowie ein Gemeindeentwicklungskonzept (GEK), welches auch die Rolle der Innenstadt in den Blick nimmt. Eine besondere Herausforderung: Die meisten Bürger:innen wohnen außerhalb der Kernstadt. Auch die Sogwirkung größerer umliegender Zentren führt dazu, dass die Innenstadt wenig von der Kaufkraft der Region profitiert. Eine Strategie: Die Innenstadt als kulturelles Zentrum entwickeln und vielfältige Nutzungsqualitäten schaffen, um die Münnerstädter für ihre ansehnliche Stadtmitte mehr zu begeistern.
  • Die Lage von Bönen im Gürtel des Ruhrgebiets lässt viele Bürger:innen täglich in die großen Zentren pendeln. Dabei haben viele Investitionen die Aufenthaltsqualität in der Fußgängerzone der Innenstadt verbessert. Innovative Formate zur Aktivierung und Beteiligung sollen frische Impulse setzen, um die Identifikation der Bürger:innen mit ihrem Zentrum zu fördern. Eine Herausforderung wird dabei sein, die heterogene Stadtgesellschaft im ehemaligen Kohlerevier für eine integrative Stadtentwicklung zu gewinnen und für diese vielfältige Angebote zu entwickeln.

Wie geht es weiter?

In den kommenden Wochen werden die Kommunen im Austausch mit dem difu und der atene KOM auf Grundlage der Ergebnisse der Transferwerkstätten Entwicklungsformate und Projekte für die Innenstadtbelebung erarbeiten. Dafür sollen sowohl lokale Veranstaltungen, zum Beispiel zur Bürger:innenbeteiligung, stattfinden als auch kleinere Vorhaben der Stadtentwicklung umgesetzt werden. Zudem wollen die Partner weitere Formate entwickeln, in denen sie weiterhin gemeinsam an Lösungen arbeiten.