© Agentur für Erneuerbare Energien e.V.

Rund 83.000 Elektroautos fahren laut dem Kraftfahrt-Bundesamt bereits auf Deutschlands Straßen – Tendenz steigend. Doch damit die Verkehrswende merklich zum Erreichen der Klimaziele aus dem Pariser Abkommen beitragen kann, soll nun zügig der nächste Schritt kommen: Elektrofahrzeuge sollen zunehmend mit Strom aus nachhaltigen Energiequellen geladen werden. Bis 2030 müssen mindestens 30 Prozent erneuerbare Energien im Verkehrssektor zu finden sein, fordert Robert Brandt, Geschäftsführer des Agentur für Erneuerbare Energien e.V., im Interview mit der atene KOM.

atene KOM: In welchem Umfang werden aktuell erneuerbare Energien im Verkehrssektor in Deutschland genutzt?
Robert Brandt: Erneuerbare Energien haben derzeit einen Anteil von rund fünf Prozent am Endenergieverbrauch des Verkehrs. Dieser Anteil ist deutlich geringer als im Wärme- oder gar im Stromsektor, wo bereits 40 Prozent der genutzten Elektrizität aus regenerativen Quellen stammen. Im Verkehr ist der Erneuerbaren-Beitrag zudem in den letzten Jahren kaum gewachsen und besteht vor allem aus Biokraftstoffen. Diese werden zwar weiterhin benötigt, aber sie können die notwendige Dekarbonisierung des Verkehrs keinesfalls allein schaffen. Der Handlungsbedarf ist in diesem Bereich immens. So bedarf es zusätzlich zu den Anfängen beim Kraftstoff auch dringend eines Antriebswechsels bei unseren Fahrzeugen. Elektromobilität muss und kann zumindest im privaten Pkw-Bereich ein ganz großer Baustein des zukünftigen Verkehrs werden.

atene KOM: Welchen Anteil können erneuerbare Energiequellen in 10 Jahren beim Verkehr voraussichtlich ausmachen?
Brandt: Das hängt von sehr vielen Faktoren ab und lässt sich daher nur schwer prognostizieren. Von der Verkehrsentwicklung über die Durchsetzung von Elektro- oder gar Wasserstoffmobilität bis hin zur Effizienz der Transportmittel spielen sehr viele Faktoren eine Rolle. Wie unterschiedlich die Prognosen zu Energieverbrauch und -trägern im Verkehr sind, haben wir etwa in einer Metaanalyse zur Nutzung von Strom im Verkehrssektor dargestellt. Klar ist jedoch: Die derzeitige Transformationsgeschwindigkeit reicht bei Weitem nicht aus. Für eine Treibhausgas-Entwicklung, die sich an den Zielen des Pariser Abkommens orientiert, müssten bis 2030 wohl mindestens 30 Prozent erneuerbare Energien im Verkehrssektor zu finden sein, mit einer danach umso schnelleren weiteren Dekarbonisierung. Dies gelingt nur, wenn wir heute schon eine klare Perspektive in Richtung innovativer Lösungen einnehmen, sowohl bei der Antriebstechnik als auch bei der Ladeinfrastruktur.

atene KOM: Mit welchen Herausforderungen muss sich die Energiebranche bis dahin beschäftigen?
Brandt: Zunächst ist entscheidend, dass sich die Verwendung von Strom für Mobilitätszwecke, sei es direkt, als Wasserstoff oder als synthetischer Kraftstoff, durchsetzt. In der Fachwelt spricht man hiervon als Sektorenkopplung. Dann muss dieser Strom aus erneuerbaren Energien kommen. Wenn elektrische Mobilität als Argument für längere Laufzeiten von Kohlekraftwerken genutzt wird, ist damit nichts gewonnen. Hier braucht es also ebenso einen ambitionierten Ausbau von Solar- und Windenergie. Schließlich geht es zudem um die Organisation im Mobilitätssektor selbst: Welche Technologie wird sich durchsetzen? Brauchen wir eher neue Antriebe oder neue Kraftstoffe? Wenn wir vorrangig auf Elektromobilität setzen, was wir aus Effizienzgründen für am sinnvollsten halten, wie gelingt uns der notwendige Aufbau einer Ladeinfrastruktur? Welche Kommunikationstechnologien braucht es zwischen den Ladesäulen und den Fahrzeugen, damit das Laden gesteuert vorangeht und keine übermäßige Belastung unserer Stromnetze darstellt? Das allein sind nur einige der energiewirtschaftlichen Fragen. Darüber hinausgehende Verkehrsdebatten wie etwa „Wieviel Raum geben wir dem Auto?“ oder „Wie können autonome Fahrzeuge und öffentlicher Verkehr in Einklang gebracht werden?“ sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

atene KOM: Wie könnten Lösungen aussehen, die diese Herausforderungen überwinden?
Brandt: Technologisch gibt es bereits viele Optionen: Elektrofahrzeuge sind in verschiedenen Ausführungen am Markt verfügbar. Wie eine intelligente Ladeinfrastruktur aussehen kann oder wie synthetische Kraftstoffe produziert werden, ist im Prinzip bekannt und könnte vergleichsweise schnell ausgebaut werden. Fragezeichen gibt es noch bei einigen Geschäftsmodellen, aber da sind unsere Unternehmen sicher findig genug, passende Angebote zu entwickeln. Entscheidende Voraussetzung, damit diese ganzen Entwicklungen in Schwung kommen, sind die politischen Rahmenbedingungen. Beispielsweise sind sich die meisten Experten einig, dass ein CO2-Preis der Verkehrswende sehr helfen würde und dass ab 2030 eigentlich keine Neufahrzeuge mehr fossile Kraftstoffe nutzen dürfen. Damit sich die Hersteller und Mobilitätsdienstleister auch darauf einstellen können, bedarf es hier einer entschiedenen Umsetzung.

atene KOM: Welchen Wunsch haben Sie für die Energieversorgung von morgen?
Brandt: Ich nehme mir mal drei Wünsche heraus: 1. Die Emission von CO2 muss, egal in welchem Sektor, einen klaren Preis haben, der den wahren Schadenskosten möglichst nahe kommt.
2. Es braucht einen weiterhin ambitionierten Ausbau erneuerbarer Energien vor allem im Stromsystem, da dieses immer mehr zum Primärenergieträger unserer modernen Gesellschaften wird. Sonst gerät das Regierungsziel von 65 Prozent erneuerbare Energien bis 2030 in Gefahr.
3. Die einzelnen Komponenten des Energiesystems müssen eng miteinander vernetzt sein und flexibel aufeinander reagieren. Virtuelle Kraftwerke, intelligente Lademechanismen, flexible Biogasnutzung, Smart Grids – all das sind die entscheidenden Komponenten für ein nachhaltiges, digitales und innovatives Update unserer Energieversorgung.

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