© Forum Bildung Digitalisierung / Dennis Williamson. Vincent Steinl, Leitung Programm beim Forum Bildung Digitalisierung e.V.

Schüler sollten sich im Unterricht mehr mit aktuellen und zukünftigen Herausforderungen beschäftigen, fordert Vincent Steinl, Leitung Programm beim Forum Bildung Digitalisierung e.V. Würden die Bildungseinrichtungen in Deutschland eine Zukunftskultur einführen, wären die Kinder besser auf die digitalisierte Arbeitswelt vorbereitet. Im Interview mit der atene KOM erklärt Vincent Steinl auch, warum den Lehrern mehr Zeit für die Digitalisierung des Unterrichts und der gesamten Schule zur Verfügung stehen muss.

atene KOM: Wie werden digitale Technologien bereits sinnvoll in den Unterricht einbezogen?
Vincent Steinl: Das ist sehr unterschiedlich, weil sich die einzelnen Schulen in Deutschland unterschiedlich schnell weiterentwickeln. Wir vom Forum Bildung Digitalisierung begleiten rund 60 Schulen, die sich schon vor Jahren auf den Weg in Richtung Digitalisierung gemacht haben. Diese Schulen nutzen meist schon die vielfältigen Chancen, die digitale Technologien bieten: Schülerinnen und Schüler bearbeiten Videos, erstellen Fotocollagen und schreiben Blogbeiträge. So entstehen Ergebnisse eines Lernprozesses, die sich vor anderen präsentieren lassen. Die neuen technologischen Entwicklungen ermöglichen aber auch ein selbstgesteuertes Lernen. Leistungsstärkere Lernende können mit anspruchsvolleren Aufgaben weiterarbeiten, während Schwächere durch Lernsoftware mehr Unterstützung erhalten. Die Digitalisierung lässt in den Schulen also ein individualisiertes Lernen zu.

atene KOM: Welche weiteren Formen kann digitales Lernen und Arbeiten in Schulen zukünftig annehmen?
Steinl: Es gibt bereits hilfreiche digitale Anwendungen, die leider noch nicht so recht Einzug in die Schulen erhalten haben. Dazu gehört Software zur Diagnose der Lernerfolge. Lehrkräfte können damit den Entwicklungsstand der Einzelnen viel besser auswerten. Vereinzelt wird diese Software in Deutschland schon für das Fach Mathematik eingesetzt. Andere Länder zeigen aber, dass sie auch in allen anderen Fächern genutzt werden kann. Eine technologische Entwicklung, die in absehbarer Zeit auch im Bildungswesen eine Rolle spielen wird, ist die Künstliche Intelligenz (KI). KI kann adaptives Lernen ermöglichen – sprich Lernangebote schaffen, die an die speziellen Bedürfnisse angepasst sind. Mit KI in der Bildung sollten wir uns schon heute beschäftigen, um den wahren Nutzen der Technologie für den Unterricht einschätzen zu können.

atene KOM: Welche Risiken bestehen bei der Einführung von digitalen Technologien?
Steinl: Wir dürfen die Risiken der Digitalisierung im Bildungswesen nicht kleinreden. Schon heute haben Schulen mit den negativen Folgen der Digitalisierung zu kämpfen. Dazu zählen zum Beispiel Cybermobbing und die abnehmende Konzentrationsfähigkeit bei Kindern. Das beobachten immer mehr Schulen. Trotzdem darf man vor den Konsequenzen der Digitalisierung keine Angst haben. Außerdem lassen sich die technologischen Entwicklungen von niemandem mehr aufhalten.

atene KOM: Wie können diese Risiken Ihrer Meinung nach minimiert werden?
Steinl: Wir müssen pädagogische Konzepte entwickeln – zum Beispiel für das soziale Lernen, um Cybermobbing entgegenzuwirken. Es müssen aber auch die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt werden: Wir brauchen mehr Freiräume in den Schulen, sodass den Lehrkräften größere Zeitkontingente für Digitalisierungsthemen zur Verfügung stehen – zum einen für Probleme wie Cybermobbing, zum anderen für die Weiterentwicklung der Schule. Bildungseinrichtungen sollten sich selbst und ihren Umgang mit der Digitalisierung immer wieder hinterfragen.

atene KOM: Was wünschen Sie sich für das Bildungswesen von morgen?
Steinl: Das Selbstverständnis von Schulen muss sich weiterentwickeln. Das betrifft die Beziehungen zwischen Lehrkräften und Lernenden gleichermaßen, die Lernkultur und die individuelle Förderung, aber auch die Organisationsstrukturen der Bildungseinrichtungen. Zudem brauchen wir an den Schulen eine Zukunftskultur. Bisher geschieht Lernen vor allem aus der Vergangenheit – das, was in Lehrbüchern und Lösungsheften steht. Die Kinder sollten sich aber auch mit aktuellen Problemstellungen oder zukünftigen Fragen beschäftigen, auf die es noch keine konkreten Antworten gibt. So werden Lernende besser auf die digitale, sich schnell verändernde Berufswelt und das Leben in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft vorbereitet.

Weitere Hintergründe zum Thema digitale Bildung finden Sie in den Dossiers zur Digitalisierung der atene KOM: